Volkssänger:innen

Eine im 19. Jh. vorwiegend im städtischen Bereich gebräuchliche Bezeichnung für Unterhalter:innen der mittleren und unteren Bevölkerungsschichten

Die Bezeichnung wurde erstmals von J. B. Moser 1829 in Wien verwendet, um sich von den übel beleumdeten Harfenisten und Bänkelsängern abzugrenzen. Die V. schlossen sich in Gesellschaften zusammen (s. Abb.) und genossen ab dem Statthalterei-Erlass von 1851 Firmenstatus. Die Vergabe von V.-Lizenzen war an strenge Vorschriften, u. a. bezüglich Zahl und Alter der Mitglieder, gebunden, die Mitwirkung von Frauen nicht gestattet, die Texte unterlagen der Zensur der Stadthauptmannschaft, später der Bezirks-Polizeikommissariate. Die V.-Gesellschaften rekrutierten sich vorwiegend aus früheren Gewerbetreibenden und Handwerkern, ihr Programm bestand aus komischen Szenen, Soloszenen und Gesangsvorträgen, vorwiegend Couplets und modischen Liedern, begleitet von einem Pianisten. Auftrittsorte waren Wirtshäuser der Vorstädte, später auch Vergnügungs-Etablissements und Singspielhallen. Etliche V. erwarben sich große lokale Popularität und galten als Publikumslieblinge, z. B. J. Fürst, J. Matras, K. Kampf, I. Nagel, A. Amon. Ab 1871 war es Frauen möglich, eine Lizenz als „Localsängerin“ zu erwerben. In diese Zeit fallen die Karrieren der „Brettelprimadonnen“ A. Mansfeld, Fanny Hornischer, A. Ulke, J. Schmer und E. Turecek-Pemer (verh. Demel, genannt „Fiaker-Milli“), die mit ihren „pikanten“ Couplets v. a. bei den jungen Lebemännern und „Hausherrnsöhn’ln“ ihre Erfolge feierten. Ab 1873 konzentrierten sich die Programme der V. wieder mehr auf ein breites Familienpublikum. In dieser letzten Glanzzeit des V.tums stechen besonders die Liedtexte von Volksdichtern wie W. Wiesberg, A. Krakauer und C. Lorens hervor, unterstützt von Komponisten wie J. Sioly, Th. F. Schild bzw. C. Lorens. Nach und nach verdrängte die musikalische Darbietung das theatralische Element der Programme. Neben den Couplets nahm bereits das klassische Wienerlied (Refrainlied) einen bedeutenden Platz im Repertoire der V. ein. In den 1880er Jahren entstand den V.n ein ernsthafter Rivale in den nicht lizenzierten „Natursängern“ der Heurigenlokale (Heurigenmusik), dann aber v. a. in den Varietétheatern, wohin auch ein Teil der V. wechselte. Bis 1885 waren nur fünf Mitglieder einer V.-Gesellschaft erlaubt, danach sechs. Die Publikumslieblinge der letzten großen V.-Ära waren F. Kriebaum, Josef Steidler (s. Abb.), W. Seidl (Gesellschaft Seidl und Wiesberg) und v. a. E. Guschelbauer (der „Alte Drahrer“) mit seiner Partnerin L. Montag. Nach der Jh.wende sind die populären Stars nur mehr in der modernen Varietészene zu finden: H. Führer und Martin Schenk im „Gartenbau“ (Wien I), J. Modl im „Ronacher“, während die verbliebenen V.-Gesellschaften mit ihren vergangenheitsorientierten, sentimentalen Programmen ihre Bedeutung für das Volksvergnügen immer mehr einbüßten. Nachfolger der V. in Bezug auf das musikalische Genre waren einerseits die singenden Volksschauspieler, wie z. B. R. Waldemar, die ein ähnliches Repertoire auf die Bühne brachten, und andererseits die neu entstandenen Kabarettbühnen, allen voran die Budapester Orpheumgesellschaft. 1931 nannte Jos. Koller noch fünf verbliebene Gesellschaften, die aber längst unbedeutend geworden waren.

Im 20. Jh. wurde es üblich, den Begriff V. auf Sängerinnen und Sänger des Wienerliedes generell im Sinne von „Sänger aus dem Volk“ bzw. „Sänger für das Volk“ anzuwenden.

Literatur

Abbildungen

Autor

  • Ernst Weber

Letzte inhaltliche Änderung

9.11.2022

Empfohlene Zitierweise

Ernst Weber, Art. „Volkssänger:innen“ (9.11.2022), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001e5db (abgerufen am )

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