Älteste noch bestehende Wiener Kabarettbühne, eröffnet von Egon Dorn (1871–1938) am 25.10.1912 im Keller der Wollzeile 34 (heute 36, Wien I) nach Münchner Vorbild als „Bierkabarett Simplicissimus“, später nur noch als „der S.“ bezeichnet. Dorn propagierte „vollendete Kabarettkunst, lachenden Humor, Geist, Witz und Satyre, unter Ausschluß der derben Zote“ (Wr. Allgemeine Ztg. 23.10.1912, 3). Der S. brachte zunächst die für ein Kabarett typische Abfolge von musikalischen Beiträgen wie Chansons (im November 1912 etwa vertreten durch J. Selim, damals noch ohne R. Benatzky), Couplets, Gedichte, Tänze, Parodien, Zaubertricks etc., verbunden durch eine launige Conférence. Erster Conférencier war Richard Hutter, als Hauskomponisten und/oder musikalische Leiter fungierten zunächst Gustav Windhopp, Toni Thoms, O. Stransky als Gast, R. Fall, P. Pallos und L. Philipp, für die Musik sorgte anfags ein Salonorchester, später ein Quartett. Das Programm wechselte üblicherweise monatlich. Bald traten auch prominente Künstler:innen auf, etwa H. Führer und M. Mars. Ab Oktober 1914 trug F. Grünbaum eigene Gedichte im S. vor. Ab 1915 spielte man auch Szenen und setzte mit Friedl Löhry erstmals eine Conférencière ein. Im selben Jahr wurde H. Pflanzer Dramaturg des S.
Ab Oktober 1921 trat K. Farkas zunächst als Blitzdichter auf, ab November 1922 gemeinsam mit F. Grünbaum in den legendären Doppelconférencen. Ende April 1924 übergab Dorn aufgrund finanzieller Probleme den S. an Karl Müller, Ehemann von R. Berndt. Die musikalische Leitung lag in den Händen von O. Klose und T. Wellisch. Nicht zuletzt wegen der Konkurrenz durch Hölle und Femina sowie fehlender Zugnummern erholte sich der S. jedoch erst 1926 unter der Direktion von Franz Weiss wieder, der das Programm 14-tägig wechselte und ein Nachtprogramm bis 4:00 morgens bot. 1927/28 fungierte Grünbaum als künstlerischer Leiter, Direktor war Julius Wiesner. Nunmehr nahmen die Solonummern zugunsten der gespielten Szenen ab, wenngleich ohne Farkas. Ab der Saison 1928/29 leitete Josef Czech den S., 1932 mit Partner Alexander Goldfarb. Unter Czechs Leitung wurde H. Leopoldi zur Hauptattraktion, dazu kamen u. a. St. Kadmon, F. Ressel und H. Moser. Musikalischer Leiter war Karl Inwald, danach T. Wellisch. Für das Novemberprogramm 1931 schrieb K. Farkas, der in den S. zurückgekehrt war, eine Minirevue (Pfeifendeckel Schmejk). Von da an gab es in jedem Programm eine Nummer von Farkas, und bis auf wenige Ausnahmen spielte der S. seit seiner ersten abendfüllenden Revue (Pinagls lassen bitten …) auf die Größe des S. zugeschneiderte Revuen, geschrieben von ein bis zwei Autoren und mit der Musik v. a. von R. Schwarz, aber auch von T. Wellisch, B. Uher und L. Märker. Der Programmwechsel fand nun abhängig vom Erfolg des jeweiligen Programms statt, gespielt wurde von einem fixen Ensemble. 1932/33 betrieb der S. mit der „Rakete“ eine Dependance in der Mariahilfer Straße 105 (Wien VI), wo im Gegensatz zum S. kein Konsumationszwang bestand. 1933 wurde die nachmittägliche Modenrevue eingeführt, ein Kabarett mit eingebauter Modenschau, untermalt mit Livemusik. Die Musik stammte wieder von R. Schwarz. Von September 1936 bis März 1938 erschien die Monatsschrift Der Wiener Simpl. Im August 1936 war Grünbaum wieder an den S. gekommen, und gemeinsam mit Farkas schrieb er bis zur letzten Vorstellung am 11.3.1938 (Metro Grünbaum-Farkas’ höhnende Wochenschau, s. Abb.), kurz vor der Machtergreifung Adolf Hitlers (Nationalsozialismus), einen Großteil der Revuen; beide führten die Doppelconférence zu neuen Höhen.
Danach stand der S. unter kommissarischer Leitung der NSDAP und brachte ab 17.3.1938 „ein rein arisches Programm“ (Das Kleine Volksbl. 17.3.1938, 8). Nach der Arisierung durch die Nationalsozialisten und der Enteignung der Besitzer des S., der jüdischen Familie Goldfarb, kaufte der Nationalsozialist Felix Bernard den S. und eröffnete ihn als neuer Direktor (mit kurzer Unterbrechung bis 3.4.1945) am 28.1.1939. Neben dem Wiener Werkel war der S. das einzige Kabarett, das während des Krieges geöffnet haben durfte. Das starre Nummernprogramm mit Conférencen, Parodien, Sketches, Gesangs- und Tanzeinlagen, Karikaturisten, Artisten und Zauberern war naturgemäß regierungsfreundlich, zu den Interpret:innen zählten Fritz Muliar, Paul und Pepi Löwinger, F. Schier und Wondra & Zwickl, deren Doppelconférencen zu den Hauptattraktionen des S. gehörten. Musikalische Einlagen stammten u. a. von P. Wehle, die musikalische Leitung oblag u. a. K. Zaruba und Karl Fassl. Einer der Stars war Helly Gassner, die Liederparodien in starkem Dialekt brachte und so Satire möglich machte, und zuletzt auch für Texte und Musik (mit-)verantwortlich zeichnete.
Am 24.4.1945 übernahm Otto Grünhaus Oegyn den S. als kommissioneller Verwalter und eröffnete ihn Mitte Mai mit Ernst Waldbrunn als erstem Conférencier und u. a. mit P. Igelhoff, später auch W. Engel-Berger, E. Arleth, H. Conrads, H. Leopoldi und H. Möslein, F. Imhoff, Pirron & Knapp sowie T. Wellisch wieder als musikalischem Leiter und Komponist, gefolgt von O. Klose. Die Zusammenstellung der ersten Nachkriegsrevuen erfolgte durch Direktor Oegyn und H. Pflanzer, der mit dem S. schon vor dem Zweiten Weltkrieg zusammengearbeitet hatte. Am 19.11.1947 wurde im großen Saal des Wiener Konzerthauses der 35. Geburtstag des S. gefeiert, u. a. mit R. Stolz als Gastdirigent, E. Eysler und M. Schönherr. Fünf Jahre später folgte die Festakademie „40 Jahre S.“. 1948/49 verzeichnete der S. glücklose Direktionen, 1949 übernahm der Tänzer Martin Klein-Viggo das Kabarett, finanziert von Baruch Picker. In der ersten Revue dieser Direktion, Unter uns gesagt … (T: M. Klein-Viggo u. K. Farkas), wirkten u. a. C. Kraner und H. Wiener mit, die bereits davor im S. aufgetreten waren, sowie G. Bronner. Erfolgreich wurde jedoch erst die Folgerevue Dienst am Kunden (T: H. Wiener u. K. Farkas, M: P. Wehle und F. P. Hub, UA 17.10.1950), in der Farkas wieder selbst mitwirkte. Farkas, der bis zu seinem Tod 1971 als künstlerischer Leiter fungierte, verlegte sich erneut auf die Nummernrevue mit einem roten Faden durch das Programm und mit Musik und Tanz sowie Kostümen und Kulissen. Den Höhepunkt bildeten darin einmal mehr die Doppelconférencen, jetzt zwischen Farkas und Ernst Waldbrunn, verfasst von Farkas und Wiener, die von 1950–65 auch die Revuen im S. schrieben, danach schrieb sie Farkas alleine. Zu den Ensemblemitgliedern gehörten u. a. H. Conrads, C. Kraner, Ossy Kolmann, Fritz Muliar und Maxi Böhm. Musikalische Leiter/Komponisten waren F. P. Hub, T. Wellisch, Ch. Wimmer und B. Uher. Geboten wurde unkritisches Lachtheater für ein eher konservatives Publikum, kein politisches Kabarett. 1974 verkaufte Picker den S. an den Juristen und Leiter des früheren Wanderkabaretts Der Bunte Wagen, Martin Flossmann (1937–1999). Davor war es dem Ensemble rund um M. Böhm mit Unterstützung H. Wieners noch gelungen, an die alte S.-Tradition anzuschließen. Am 25.5.1974 endete mit der letzten Vorstellung der Revue Öl in’s Feuer (T: H. Wiener, M: B. Uher) die Ära Farkas jedoch endgültig.
Nach einem Umbau, in dem man Sitzreihen einbaute und damit auch den Konsumationszwang beendete, folgte am 31.10.1974 die Eröffnung mit der Revue Teufel komm ‘raus unter der musikalischen Leitung von M. Danzinger. Zu den Ensemblemitgliedern gehörten u. a. Louis Strasser (der etwa G. Keller parodierte), Edith Leyrer, Erwin Steinhauer und Kurt Sobotka. Der S. wurde nun zwar politischer, allerdings nur in gemäßigter Form. Unter Flossmanns Ägide wurde jede Revue – pro Saison wurde ab nun nur eine gespielt – vor der eigentlichen Premiere nach amerikanischem Vorbild vor Publikum getestet und entsprechend adaptiert. Außerdem wurden die Revuen nun auch im Fernsehen übertragen. Er brachte auch Gastspiele, wie die Travestieshow Les Garçons Terribles 1976 oder den Clown Charlie Rivel 1978. Im April 1980 brachte man im S. das erste Musical, I Love My Wife (M: Michael Stewart), in der deutschsprachigen Version zur EA, dem weitere folgten. 1993 verkaufte Flossmann den S. an seinen langjährigen Geschäftsführer Albert Schmidtleitner. Künstlerischer Leiter wurde der 25-jährige Michael Niavarani, der 1989 erstmals im S. aufgetreten war und nun einige Jahre lang auch als Conférencier und Co-Autor der Revuen wirkte. Die offizielle Premiere des neuen Teams fand am 18.9.1993 mit der Revue 100 Jahre Ketchup statt. Zum Ensemble zählten etwa Sigrid Hauser, Viktor Gernot, Dolores Schmidinger, S. Butbul und Herbert Steinböck, als musikalische Leiter fungierten Frizz Fischer, Herbert Otahal, P. Ponger und Christian Frank. Der S. präsentierte seine Revuen, die im Jahresabstand wechselten, wie in einem kleinen Theater, gespielt von Schauspielern und Komikern und mit Bühnenbildern sowie zahlreichen Kostümen. Seit 2001 setzte man wieder auf Gastspiele, ein Konzept, das nach und nach ausgebaut wurde. 2004 erfolgte der größte Umbau in der Geschichte des Hauses mit einer Erweiterung um 80 Plätze und einer Umgestaltung des Interieurs. 2019 kaufte Niavarani von Schmidtleitner den S. und kehrte als künstlerischer Leiter zurück.
Literatur
- J. Sobieszek, Zum Lachen in den Keller. Der S. von 1912 bis heute 2007, 31912
- E. M. Haybäck, Der Wiener „Simplicissimus“ 1912–1974, 2 Bde., Diss. Wien 1977
- I. Fink, „… und das Lachen höret nimmer auf“. Von politischer Kleinkunst zum Kabarettboom 2022
- H. Veigl, Lachen im Keller 1986
- R. Weys, Cabaret und Kabarett in Wien 1970
- W. Rösler, Geh’n ma halt a bisserl unter 1991
- Wr. Allgemeine Ztg. 23.12.1912, 3
- Fremden-Bl. (Abend-Ausgabe) 4.11.1915, 3
- Das Kleine Volksbl. 17.3.1938, 8
- www.kabarettarchiv.at (6/2025)
- www.niavarani.at (6/2025)
- https://de.wikipedia.org (6/2025)
- https://simpl.at (6/2025)
- https://konzerthaus.at/datenbanksuche (6/2025)
- eigene Recherchen (www.anno.onb.ac.at)
Abbildungen
Autorin
- Monika Kornberger
Letzte inhaltliche Änderung
1.8.2025Empfohlene Zitierweise
Monika Kornberger, Art. „Simpl (eig. Simplicissimus)“ (1.8.2025), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x003c6fcc (abgerufen am )
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