Kugel, Familie

Konzertveranstalter und Pianistin

Georg: * 27.12.1870 Wien, † nach 4.8.1941 Ort?/USA. Konzertveranstalter.

Der Sohn von Ignaz Kugel und Marie, geb. Steiner, trat am 24.2.1900 aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und konvertierte am 3.3.1900 zum evangelischen Glauben (A.B.). Er heiratete die vermutlich musikalisch gebildete Nadina Agrenewa-Slawjanskaja (* 3.1.1871 Moskau), Tochter des aus einer alten russischen Adelsfamilie stammenden Sängers, Chorleiters und Ethnografen Dmitri Alexandrowitsch Agrenew-Slawjanski (* 19.12.1834 Moskau, † 23.7.1908 Russe [Pyce/BG]) und der ebenfalls aus einer altadeligen Familie stammenden Volkskundlerin, Volksliedsammlerin, Dichterin und Komponistin Olga Christoforowna, geb. Posdnjakowa (* 1847 Makarino/RUS † 20.12.1920 Jalta/UA). Sohn Georg Nikolaus wurde am 19.9.1901 in Krasnovodsk/RUS (Türkmenbaşy/TM) geboren, Tochter Ella kam am 3.7.1905 in Wels zur Welt. Beide Kinder wurden am 16.4.1907 in der Lutherischen Stadtkirche in Wien getauft. K. veranstaltete 1919–38 im Wiener Konzerthaus 685 und, laut Barta und Fässler, im selben Zeitraum im Musikverein noch mehr Konzerte. Er organisierte auch Konzerte in Łódź/PL, Warschau, Stockholm und Mailand. J. Reitler nannte ihn einen „der Gewaltigen im Wiener Konzertbetriebe“ (Neue Freie Presse 16.1.1922, 2), J. Korngold lobte seine „in der Förderung der Beziehungen zu russischer und italienischer Musik ebenso wagemutige als ruhige und streng solide Geschäftsführung“ (Neue Freie Presse 17.3.1926, 2); die Förderung russischer Musik dürfte wohl der Herkunft seiner Frau geschuldet sein. In den 1920er Jahren war Kugels Agentur in der Faßziehergasse 7 (Wien VII), wo er auch wohnte, angesiedelt, später (1935) waren Büroräume im Musikvereinsgebäude angemietet. Eine Konzertkasse befand sich (1922) am Schwarzenbergplatz 1 (Wien I). Kugel war einer der Ersten, der in Wien Konzerte mit Jazz veranstaltete, u. a. am 25.4.1928 im Mittleren Konzerthaus-Saal, bei welchem das französisch-belgisches Pianistenduo Jean Wiener und Clément Doucet neben dem Concerto in A (nach Vivaldi) von J. S. Bach u. a. den Saint Louis Blues von William Christopher Handy, The man I love von George Gershwin und Halleluyah von Vincent Youman aus dem Musical Hit the Deck spielte. 1926 veröffentlichte Kugel den Klavierauszug zum Parergon zur Sinfonia Domestica von R. Strauss und die Partitur zu Concertante Variationen über ein Thema von Beethoven von F. Schmidt sowie 1927 dessen Quintett für Klavier, zwei Violinen, Bratsche und Violoncello, 1931 Maurice Ravels Concerto pour la main gauche, allesamt dem Pianisten P. Wittgenstein gewidmet, dessen Agent K. war; nach Konflikten um das bei Sergej Prokofjew bestellte Klavierkonzert wurde Kugel als solcher 1931 entlassen. Kugel korrespondierte u. a. mit A. Berg, E. W. Korngold und F. Schalk. 1941 folgte er seiner Tochter Ella in die Emigration (Exil) in die USA, die er zuvor schon zwei Mal besucht hatte und wo er auch verstorben sein dürfte.

Literatur

  • Neue Freie Presse 16.1.1922, 2, 17.3.1926, 2
  • Erwin Barta / Gundula Fässler: Die großen Konzertdirektionen im Wiener Konzerthaus 1913–1945, Frankfurt am Main u. a. 2001 (Musikleben 10), 89
  • Judith Kopecky, 1928. Wien und das zeitgenössische österreichische Konzertlied, Wien 2023, 106f
  • Alexander Waugh, Das Haus Wittgenstein. Geschichte einer ungewöhnlichen Familie, 2008, dt. Frankfurt am Main 2010, 234 und 243
  • Taufbuch der Lutherischen Stadtkirche (Wien I), RZ XXI und XXII
  • Wolfgang Freitag, „Ein Krach, tschin, bumm!“ (27.4.2008), in: Die Presse, www.diepresse.com (30.7.2026)
  • Art. „Dmitri Alexandrowitsch Agrenew-Slawjansi“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Dmitri_Alexandrowitsch_Agrenew-Slawjanski (30.7.2026)
  • Art. „Olga Christoforowna Agrenewa-Slawjanskaja”, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Olga_Christoforowna_Agrenewa-Slawjanskaja (30.7.2026)

Seine Tochter

Ella (eig. Elsa Natalie), gesch. Bricht, verh. Natasha (Elizabeth) Magg: * 3.7.1905 Wels, † 12.6.1988 Bloomington, Indiana/USA. Pianistin, Komponistin.

Kugel studierte an der Wiener Musikakademie bei F. Schmidt. Ihr Klavierspiel wurde von Jugend an positiv rezensiert: Laut J. Reitler ließen sich schon im Spiel der 17-Jährigen „Musikalität, klingender Anschlag und technische Gewandtheit einwandfrei feststellen“ (Neue Freie Presse 16.1.1922, 2). „Sehr sauber und eminent musikalisch“ (Reichspost 8.7.1924, 7) spielte sie Claude Debussys Children’s Corner bei einem Konzert der Student:innen der Musikakademie. E. Petschnig nannte sie eine „versierte Interpretin“ (Neue Zeitschrift für Musik 1926), die Signale für die musikalische Welt sprachen von „warmer Empfindung, sicherem Stilgefühl und reifer Technik“ (84/31 [1926], 1162), die Ostdeutsche Rundschau (5.3.1926, 6) schrieb: „Die musikalische Komponente ihres Spiels ist der technischen ebenbürtig“, und J. Korngold meinte nach einer Aufführung von Sergei Rachmaninows Klavierkonzert in c-Moll über die 21-Jährige: „Das zarte, schmächtige Mädchen warf sich mit erstaunlicher Spannkraft auf die Bewältigung des schwierigen Klavierparts, mit rhythmischem Brio und einem keineswegs bloß äußerlichen Elan, vielmehr mit allen Zeichen inneren Dranges. Die technische Durchbildung ist weit fortgeschritten“ (Neue Freie Presse 17.3.1926, 2). Zu ihrem Repertoire gehörten auch Klavierwerke von J. S. Bach, W. A. Mozart, L. v. Beethoven und Felix Mendelssohn Bartholdy; Aufnahmen davon waren auch im Radio zu hören. Kugel musizierte u. a. mit dem Tonkünstlerorchester und dem Wiener Symphonieorchester unter den Dirigenten A. Konrath, R. Nilius, P. A. Pisk, L. Reichwein und M. Spörr. Belegt ist auch ein Auftritt in Bochum/D. Zumindest in jungen Jahren dürfte sie auch komponiert haben, denn beim „Wiener Komponistenabend“ der Schüler:innen von H. Kanner am 9.3.1918 im mittleren Konzerthaussaal wurden neben Kompositionen von E. W. Korngold und A. Schönberg und Uraufführungen von H. Gál, H. Grädener, E. Kornauth, R. Stöhr und I. Weigl das Lied Die Wasserlilie der elfjährigen Kugel von der 14-jährigen und somit jüngsten Schülerin Puppa Rubinstein gesungen. Kugel war in erster Ehe seit 22.10.1928 mit ihrem Studienkollegen W. Bricht verheiratet. Sie führte mehrere seiner Kompositionen auf, u. a. am 27.2.1929 sein 1. Klavierkonzert in F-Dur mit dem Wiener Sinfonie-Orchester unter L. Reichwein; sie hatte es auch schon 1928 bei einer Aufführung der Musikakademie gespielt, bei welcher Bricht selbst dirigiert hatte. Kugel folgte ihrem Mann in die Emigration in die USA, wo sie an der University of Indiana unterrichtete und auch weiterhin als Solistin und Kammermusikerin tätig war. Diese Ehe wurde Ende der 1930er Jahre geschieden; in zweiter Ehe war Kugel ab 1940 mit dem ebenfalls aus Wien stammenden Cellisten F. Magg verheiratet; nun scheint sie als Natasha Magg auf.

Werke

Lied Die Wasserlilie um 1917.

Literatur

  • Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus [Kat.], hrsg. von Zentralsparkasse und Kommerzialbank in Wien in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, Wien 1985, 356
  • Neue Freie Presse, 24.2.1918, 14, 1.3.1918, 11, 16.1.1922, 2, 17.3.1926, 2, 20.3.1929, 3
  • Reichspost 8.7.1924, 7, 14.3.1928, 9
  • Neue Zeitschrift für Musik 93/4 (1926), 223
  • Ostdeutsche Rundschau 5.3.1926, 6
  • Signale für die musikalische Welt 84/31 (1926), 1162
  • FamilySearch, www.familysearch.org (29.7.2026)

Abbildungen

Autorin

  • Eva Maria Hois

Letzte inhaltliche Änderung

2.11.2026

Empfohlene Zitierweise

Eva Maria Hois, Art. „Kugel, Familie“ (2.11.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )

Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 4.0 zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.