(Bendit) Balduin: * 9.7.1852 Vittencz/Wittenz, Komitat Neutra/Ungarn (Chtelnica/SK), † 27.3.1937 Wien. Journalist, Musikschriftsteller, Sänger.
Bricht wurde als ungarischer Staatsbürger geboren, erwarb aber später das Heimatrecht in Techendorf/K und wurde österreichischer Staatsbürger. Er besuchte das Gymnasium in Ödenburg und wurde auch musikalisch ausgebildet; Bricht trat dort nicht nur als Sänger auf, sondern war Theaterreferent der Ödenburger Nachrichten. Nach der Übersiedelung nach Wien 1873 setzte er seine Musik- und Gesangsausbildung fort und besuchte Vorlesungen an der Universität. Schon bald wurde Bricht Inlandsredakteur (Volkswirtschaft) und Musikreferent der Wiener Allgemeinen Zeitung, 1899 trat er zudem als politischer Redakteur, Verfasser von Leitartikeln und später auch Musikreferent in den Redaktionsverband der Österreichischen Volks-Zeitung ein. Er gründete und leitete den Verein der Wiener Musikreferenten und war Präsident des Pensionsfonds des Presseclubs Concordia, dessen Mitglied (u. a. im Akademie-Comité sowie im Ehrengericht) er seit zumindest 1892 war. Seit Juli 1892 war Bricht mit der Sängerin A. Pyllemann verlobt, die er am 28.5.1893 heiratete. Er studierte mit ihr alle Lieder vor ihren öffentlichen Auftritten ein und machte sie mit den Kompositionen von H. Wolf bekannt, für die sie sich fortan einsetzte. Das Paar hatte zwei Kinder, die Hochschulprofessorin für Literatur und Übersetzerin Franziska (Frances), verh. (v.) Wasserthal-Zuccari (19.7.1894–1982) und den Pianisten, Komponisten und Lehrer W. Bricht; Franziska Bricht emigrierte 1938 nach Oxford, W. Bricht in die USA. 1912 trat Bricht aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und wurde evangelisch getauft (AB). Er hielt auch Vorträge, u. a. am 4.11.1884 im Club der österreichischen Eisenbahnbeamten über „Das Recht auf Arbeit“, am 8.2.1886 im Wissenschaftlichen Club über „Triest vom volkswirthschaftlichen Standpunkte“, am 5.3.1888 im Allgemeinen Niederösterreichischen Volksbildungsverein „Ueber das Sparen“, aber auch über H. Wolf bei einer ihm gewidmeten Feier in Perchtoldsdorf 1905 oder über Fr. Schubert und L. v. Beethoven bei der 52. Schubertiade des Wiener Schubertbundes im Februar 1827. Bricht war Freimaurer in der Loge „Zukunft“ (u. a Großbibliothekar und Vorstandsmitglied) und publizierte auch über diesen Männerbund. Sein Nachlass befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Ehrungen
- Prof.-Titel 1928
Schriften
- Balduin Bricht, „Die Philharmoniker“, in: Festschrift zur Wiener Musikfestwoche, hrsg. vom Arbeitsausschuß der Wiener Musikfestwoche, Wien 1912
- Balduin Bricht, „Anton Bruckner“, in: Festprogrammbuch, hrsg. von der Gesellschaft der Musikfreunde, Wien 1912
- Balduin Bricht, Was ist, was will die Freimaurerei? Was sind die Ziele der Grossloge von Wien?, Wien 1919
- Balduin Bricht, „Georg Raimund“, in Radio Wien 9/41 (1933), 10
- Balduin Bricht, „Carl Frühling“, in Radio Wien 11/2 (1934), 22
- Balduin Bricht, „Richard Maux“, in Radio Wien 11/18 (1935), 4
- Balduin Bricht, „Fritz Leeder“, in Radio Wien 11/37 (1935), 4
- Balduin Bricht, „Ernst Ludwig Uray“, in Radio Wien 12/2 (1935), 4
Literatur
- Susanne Blumesberger u. a., „Bricht, Balduin“, in: Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Bd. 1, hrsg. von Wilma Popper, München 2002, 168
- Wiener Allgemeine Zeitung 3.11.1884, 1, 4.3.1888, 6
- Neue Freie Presse 7.2.1886, 5, 5.4.1895, 7, 27.6.1928, 7
- Wiener Zeitung 12.4.1893, 4
- Wiener Salonblatt 4.6.1893, 8
- Die Zeit 5.6.1905, 3
- Neues Wiener Journal 4.6.1921, 6
- Der eiserne Besen 16.4.1924, 3
- Reichspost 15.8.1925, 9 12.2.1927, 9
- Jahrbuch der Musikbibliothek Peters 44–47, Leipzig 1965, 96
- Art. „Balduin Bricht“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Balduin_Bricht (8.7.2026)
Seine Frau
B.-Pyllemann (geb. Pyllemann), Agnes (Esther): * 11.8.1868 Groß-Kanizsa [Nagykanizsa/H], † 29.8.1950 Randegg/NÖ?. Pianistin, Sängerin, Gesangspädagogin.
Die Tochter des aus Deutschland stammenden Pianisten und Musikkritiker F. Pyllemann und der Eugenie, geb. Prager, später verh. Breisach, einer Schwester der Hofopernsängerin H. Prager, wuchs ab 1869 in Wien auf, wurde vom Vater unterrichtet, spielte schon mit vier Jahren Klavier mit dem der Familie freundschaftlich verbundenen J. Brahms und galt als Wunderkind (Debüt im Ehrbar-Saal 1883). Sie wurde von T. Leschetizky (Klavier), Jakob Fischer (Harmonielehre) und H. Rokitansky (Gesang), als dessen Lieblingsschülerin sie galt, ausgebildet und widmete sich v. a. dem Lied- und Oratoriengesang. 1903 trat Bricht-Pyllemann aus der Israelitischen Kultusgemeinde aus und konvertierte zum Protestantismus. Über ihr Schicksal in der Zeit des Nationalsozialismus ist nicht bekannt, sie verstarb vermutlich in Randegg, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte. Als Sängerin – Sopran bzw. hoher Mezzosopran – debütierte Bricht-Pyllemann am 23.2.1892 im Bösendorfer-Saal; ihren Durchbruch konnte sie noch im selben Jahr bei einem Auftritt mit C. Reinecke im Großen Musikvereinssaal feiern. Schon bei ihren ersten Auftritten 1892 räumte ihr der Kritiker der Österreichischen Musik- und Theaterzeitung als Konzertsängerin „einen ersten Rang“ ein und sagte ihr „eine grosse Zukunft“ voraus, jener der Wiener Sonntags- und Montagszeitung bezeichnete sie im selben Jahr als „ein neu aufsteigendes Gestirn am Horizonte des Concert- und Liedergesanges“. Schon bald nahm Bricht-Pyllemann „eine erste Stelle unter unseren Liedersängerinnen“ ( Wiener Zeitung 1895) ein und trat in vielen Städten der Donaumonarchie auf, u. a. in Brünn, Budapest und Prag, dazu in vielen deutschen Städten wie Berlin. „Die Künstlerin musiziert, wo andere konzertieren, und schon aus ihrem ernsten, dem tiefsten Sinn der Kunst hingegebenen Wesen strömt ein Zauber, der ihr Singen adelt“ (Josef Reitler, Neue Freie Presse 1922). Angeregt von ihrem späteren Mann wurde Bricht-Pyllemann zur ersten und „begeisterten Vorkämpferin des damals gänzlich unbekannten Hugo Wolf“ (M. Bienerth-Schmerling) und führte mehrere seiner Lieder, aber auch solche von J. Brahms, G. Mahler, H. Pfitzner, Max Reger und J. Marx zum ersten Mal öffentlich auf. Sie interpretierte zudem u. a. Werke von J. S. Bach, Ch. W. Gluck, W. A. Mozart, Fr. Schubert, R. Schumann, A. Bruckner, R. Wagner sowie von weniger bekannten Komponisten wie A. Jensen, Leander Schlegel (1844–1913), A. Rückauf, Erik Meyer-Helmund (1861–1932) und ihres Sohnes Walter, begleitet von diesem am Klavier. Bricht-Pyllemann musizierte u. a. mit allen namhaften Wiener Orchestern und Chören unter Dirigenten wie C. Lafite, F. Löwe und A. Kirchl und trat mitunter drei Mal pro Tag auf. J. Strauss Sohn, der sie „geniale Agnes“ nannte, musste sie mehrmals neue Kompositionen vom Blatt vorspielen und -singen (Neues Wiener Journal 1932). Bricht-Pyllemann war Mitglied im Verein der Musiklehrerinnen und absolvierte für diesen mehrere Wohltätigkeitsveranstaltungen zugunsten dessen Pensionsfonds. Sie veranstaltete aber auch selbst Konzerte, etwa am 18.12.1893 gemeinsam mit M. v. Grünzweig (Klavier) und T. Schuster-Seydel (Violine), eigene Liederabende sowie Volkskonzerte für den Wiener Volksbildungsverein, wobei ihre reichhaltigen und vielseitigen Programme geschätzt wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg zog sie sich allmählich von der Bühne zurück und war nun verstärkt als Gesangslehrerin tätig; also solche unterrichtete sie etwa M. Amerling und H. Kraus. Der Teilnachlass Bricht-Pyllemanns befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek.
Literatur
- Marie Bienerth-Schmerling, „Besuch bei Agnes Bricht-Pyllemann. Zu ihrem vierzigjährigen Künstlerjubiläum“, in Neues Wiener Abendblatt 19.3.1932, 2
- Österreichischen Musik- und Theaterzeitung 4/10 (1892), 6
- Wiener Sonntags- und Montagszeitung 29.2.1892, 2
- Die Presse 24.7.1892, 9, 17.12.1893, 20, 15.3.1894, 10, 28.4.1894, 11
- Neues Wiener Tagblatt (Tages-Ausgabe) 24.11.1893, 5, 28.1.1897, 6
- Wiener Zeitung 10.12.1895, 4
- Wiener Bilder 26.3.1902, 7
- Neue Freie Presse 30.1.1922, 5
- Neues Wiener Journal 24.2.1932, 8
- Das Wort der Frau 27.3.1932, 7
- Die Weltpresse 13.10.1948, 6
- Erlaftal-Bote 2.9.1950, 4
- Art. „Agnes Bricht-Pyllemann“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Agnes_Bricht-Pyllemann (7.7.2026)
Ihr Sohn
Walter: * 21.9.1904 Wien, † 20.3.1970 Bloomington, Indiana/USA. Komponist, Pianist, Musikpädagoge.
Bricht erhielt seinen ersten Klavierunterricht im Alter von vier Jahren von seiner Mutter. Nach dem Besuch des Akademischen Gymnasiums in Wien studierte er an der Wiener Musikakademie u. a. bei F. Schmidt, der ihn schon ab 1918 privat unterrichtet hatte und zu dessen Lieblingsschülern Bricht laut seinem Kommilitonen W. Taussig zählte (Abschluss 1928 in Komposition, Dirigieren, Klavier). Zudem erhielt er Orgelunterricht bei G. Valker. 1931–38 unterrichtete Bricht am Wiener Volkskonservatorium Kontrapunkt, Komposition und Formenlehre, 1934–38 Gesang, Klavier und Komposition an der Musikschule Horak sowie am Mozarteum in Salzburg, daneben wirkte er als Kammermusiker, Korrepetitor und Klavierbegleiter. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an NS-Deutschland emigrierte Bricht 1938 mit seiner Frau Ella, geb. Kugel (Hochzeit am 22.10.1928, Scheidung Ende der 1930er Jahre) über die Niederlande in die USA und wurde zuerst Lehrer, Organist und Klavierbegleiter in New York. 1939 ging er ans Mason College of Music in Charleston/West Virginia, wo er 1940 Leiter der Musikabteilung wurde. 1944–63 lehrte er an der New York School of Music und unterrichtete in Washington Mitglieder des Chores der U.S. Army, 1963–70 war er Professor an der Indiana University School of Music (zuerst Klavier und Meisterklassen für Tasteninstrumente, ab 1967 Gesang und Liedliteratur). Ab 1944 war er amerikanischer Staatsbürger. Als Pianist war Bricht solistisch, aber auch als Kammermusiker tätig, er musizierte u. a. mit F. Buxbaum, F. Galimir, H. Konetzni, Yehudi Menuhin, E. Morini, Oscar Natzka, Gregor Piategorsky, Arnold Rosé, Ossy Renardy, L. Slezak und seiner Mutter. Erste Kompositionen im spätromantischen Stil entstanden im Alter von zwölf Jahren (Klavierstücke, Lieder), die meisten Werke datieren aus den 1930er Jahren in Wien (insgesamt 40 Werke mit und 25 ohne Opuszahl). Bei der Uraufführung seines 1. Klavierkonzerts in F-Dur (1926) im Großen Wiener Konzerthaussaal – es spielten das Wiener Sinfonie-Orchester unter L. Reichwein, den Klavierpart übernahm Brichts Frau Ella, eine Partnerin „mit Kopf und Herz und schönstem Können“ (J. Korngold, Neue Freie Presse 1929) – wurde ihm beschieden, ein „mit allem Rüstzeug des modernen Komponisten ausgestattet, ein Komponist von starker Klangphantasie und solidem Können“ zu sein (Neues Wiener Journal 1929). Sein Streichquartett in h-Moll op. 14 wurde 1931 vom Rosé-Quartett uraufgeführt, die Orchesterfassung der Verwehten Blätter op. 18b im Dezember 1933 vom Wiener Konzertorchester unter K. Pahlen. Seine Werke wurden bis zum „Anschluss“ auch im Rundfunk gespielt, wo er als Musiker ebenfalls öfter zu hören war. 1932–34 war Bricht Mitglied im Österreichischen Komponistenbund. Nach der Emigration und der Scheidung der ersten Ehe Ende der 1930er Jahre komponierte Bricht für längere Zeit nicht. Mit seiner zweiten Frau Donna, geb. Kuhn, die er im Juli 1945 heiratete – sie war Violin-Professorin, unterrichtete aber auch Viola und Flöte –, hatte er die Töchter Dana Eve (* 1955) und Wendy Diane (* 1959).
Werke
Symphonie 1934; 2 Klavierkonzerte; kleinere Orchesterstücke; Kammermusik (Chaconne für Streichquartett 1967); Lieder; Klaviersonaten; Orgelwerke; Chöre; Chor-Orchesterwerke (Das große Halleluja 1937). Alben: Orchestral Music Vol. 1 2018.
Literatur
- Felix Czeike, „Art. Bricht Walter“, in: ders., Historisches Lexikon Wien, Bd. 1, Wien 1992, 462
- Die Vertreibung des Geistigen aus Österreich. Zur Kulturpolitik des Nationalsozialismus [Ausst.-Kat. Wien 1985], hrsg. von Zentralsparkasse und Kommerzialbank in Wien in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien, Wien 1985, 356
- Walter Pass u. a., Orpheus im Exil. Die Vertreibung der österreichischen Musik von 1938 bis 1945, Wien 1995 (Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte 13), 245
- Hedwig Kraus, „Walter Bricht“, in: Radio Wien 9/40 (1933), 8
- Neue Freie Presse, 20.3.1929, 3
- Neues Wiener Journal 17.3.1929, 29
- Taufbuch der Lutherischen Stadtkirche (Wien I) 1904, RZ 263
- Michael Haas, „Walter Bricht’s ,Scatteres Leaves‘ return to Vienna“ (28.8.2018), in: Forbidden Music, https://forbiddenmusic.org (8.7.2026)
- Ryan Hugh Ross, „Walter Bricht“ [8/2020], in: Music and the Holocaust, https://holocaustmusic.ort.org (8.7.2026)
- Walter Bricht, www.walterbricht.com (8.7.2026) (mit WV und Tonaufnahmen)
- Walter Bricht, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit www.lexm.uni-hamburg.de (8.7.2026)
- Art. „Walter Bricht“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Bricht (8.7.2026)
Abbildungen
Autorin
- Eva Maria Hois
Letzte inhaltliche Änderung
28.10.2026Empfohlene Zitierweise
Eva Maria Hois, Art. „Bricht, Familie“ (28.10.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )
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