Die Mooskirchner Altsteirer

Weststeirisches Volksmusik-Ensemble, musizierte in fünf Generationen von 1880–1991

1. Generation

1880 gründete der Färbermeister und Kaffeesieder Johann Arbeiter (* 5.11.1833 Mooskirchen/St, † 9.7.1917 Mooskirchen), der auch Mitglied der Feuerwehr war, in Mooskirchen mit Musikanten aus der Umgebung, die allesamt auch als Blasmusiker tätig waren, ein Ensemble in der ungewöhnlichen Besetzung zwei Geigen (Peter Töscher vlg. Schatz und Alois Hörmann vlg. Katlbinder), Bratsche (Johann Hammer vlg. Partl, später Franz Konrad vlg. Kiereichschmid), Steirisches Hackbrett (Johann Stadler, später Franz Kogler), Steirische Harmonika (Josef Hammer vlg. Madl) und Bassgeige (Arbeiter), das in kürzester Zeit überregional bekannt wurde. Sind auch keine Noten überliefert, so ist davon auszugehen, dass erste Geige und Harmonika die zweistimmigen Melodien spielten, die von den anderen Instrumentalisten melodisch und rhythmisch aus dem Stegreif ergänzt wurden: Die Bassgeige lieferte das taktgebende Fundament, zweite Geige und Bratsche spielten den akkordischen „Nachschlag“; Melodiestimmen für die zweite Geigen sind aus der damaligen Zeit nur selten überliefert, das wurde erst üblich, als auf die Bratsche verzichtet wurde. Auf der Bassgeige wurden vermutlich nur die harmonischen Grundtöne auf schwerem Taktteil gespielt, auf dem Hackbrett klangbrechende Motive bzw. eine Füll- oder Gegenstimme improvisiert. Diese Begleitinstrumente dürfen nicht unterschätzt werden; sie trugen neben dem eigenwilligen Bogenstrich der Geiger wesentlich zur musikantischen Qualität der M. A. bei. Da es keine handschriftlichen Noten oder Drucke aus Arbeiters Besitz gibt, ist nicht klar, aus welchen Quellen sich das Repertoire speiste; vielleicht wurde es, wie damals vielfach üblich, nur über das Ohr erlernt und dank eines guten musikalischen Gedächtnisses behalten und auch weitergegeben. Hackbrettspieler Kogler aus Hitzendorf/St konnte als einziger Musikant Noten schreiben und somit Stücke aufzeichnen. Das Spielgut der M. A. bestand aus Walzer, Polka und Polka Française wie aus Steirer und Ländler, aber auch aus damals bekannten Stücken der Wiener Tanz- und Gesellschaftsmusik, etwa von J. Strauss Sohn oder C. M. Ziehrer. Aufgrund ihres guten Rufes wurden die M. A. bald auch nach Graz (Hauptprogrammpunkt auf der Herbstmesse), Wien (Audienz bei Kaiser Franz Joseph I.), Berlin und in andere österreichische und europäische Städte eingeladen, schließlich spielten sie 1900 im „Pavillon Österreich“ auf der Weltausstellung in Paris. Dabei trugen sie die Tracht der Kainachtaler/St Bauern des 18. Jahrhunderts, bestehend aus einem großen, breitkrempigen Filzhut mit grünem Band und einem grünen Samtkäppchen darunter, langem grünen Mantel („Haftlrock“), rotem Brustfleck, lederner Hose, blauen Stutzen und hohen, aus einem Stück Leder gefertigten Schuhen. Ihre Auftritte wurden mittels Postkarte beworben, der steirische Bildhauer Wilhelm Gösser (1881–1966) fertigte 1959 nach der darauf abgebildeten Fotografie ein Steinrelief für das Gemeindehaus Mooskirchen. In einer zweiten Auflage wurde auf der Postkarte auch der Text zum Walzertrio „Steira san ma“ abgedruckt. Die M. A. waren J. Pommer wie auch P. Rosegger bekannt, 1913 wurden sie vom Tanzforscher R. Zoder mit dem Phonographen aufgenommen. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges endete nach mehr als dreißig Jahren das Spiel der ersten Generation der M. A.

2. Generation

Nach dem Krieg wollte der Mooskirchner Oberlehrer Anton Schlagin die M. A. wiederbeleben. Geiger Töscher, Bratschist Hammer und Hackbrettspieler Kogler lebten noch, waren aber nicht greifbar, weswegen er mit neuen Musikanten aus Mooskirchen und Umgebung 1920 die acht Mann starke Mooskirchner Bauernmusik gründete. Hier gab es kein Hackbrett, dafür waren die Geigen mehrfach besetzt und Blasinstrumente kamen hinzu. Als Mooskirchner Bauernkapelle – sie war unter der Leitung von Franz Maierschitz am 3.3.1935 als erste „Jodlerkapelle vor dem Mikrophon des ungarischen Senders“ (Radiowelt 1935) zu hören – sollte wohl auch an die 1879 gegründete, aber mittlerweile verstummte Blasmusikkapelle angeknüpft werden. Tatsächlich wurden die M. A. erst im Winter 1928/29 durch K. A. Stoll, den Ziehsohn Johann Arbeiters, neu gegründet. Töscher spielte weiterhin 1. Geige, Stoll 2. Geige, Hammer Bratsche und Kogler Hackbrett. Für die Harmonika kam der nicht mit Johann verwandte Josef Arbeiter hinzu, an der Bassgeige Jakob Horch. Das Hackbrett wurde später wieder von Stadler oder Kogler geschlagen; diese Musikantenpartie bestand bis 1935.

3. Generation

1936 begann die dritte Periode M. A., als durch den Verzicht auf die Bratsche ein in den folgenden Jahren gültiges Quintett entstand. Stoll übernahm nun mit dem Hackbrett das für ihn wesentliche Instrument im Zusammenspiel. 1. Geige spielte Anton Raffler, der schon 1920 in der Streicherbesetzung der Mooskirchner Bauernkapelle Primgeiger war, 2. Geige Karl Schabl oder Josef Reinprecht, der zum wichtigsten Überlieferer der Spielart der M. A. wurde, Harmonika Fritz (Friedrich) Kastner vlg. Häuslbauer und Bassgeige Christian Pichler vlg. Hubenbauer. 1940/41 erstellte W. Kainz eine Verzeichnis der Steirer, Landler, Märsche, Polkas (schnell) und Walzer aus den Notenbüchern von Kogler und Stoll. Da die Musikanten alle schon ältere Männer waren, wurden sie im Zweiten Weltkrieg nicht eingezogen, sondern konnten weiter musizieren; sie wirkten etwa im Februar 1942 an einer Rundfunkübertragung eines Volksmusikabends des Reichssender Wien in Voitsberg/St unter A. Reischek mit, der die M. A. danach nach Wien in den Großen Konzerthaussaal und zu Schallplattenaufnahmen einlud. Die M. A. konnten ihren guten Ruf weiter festigen, als sie 1953 bei der „Internationalen Kaufleute-Tagung“ im Schloss Schönbrunn vor Vertretern aus 22 Nationen spielten.

4. Generation

1954 kam es ohne Stoll zu einer Neuformierung der M. A. mit Raffler und Reinprecht an den Geigen, Josef Köppl an der Harmonika, Kastner am Hackbrett und Pichler am Bass; diese Raffler-Altsteirer spielten bis 1963. Ihren Höhepunkt hatten sie im Erzherzog Johann-Gedenkjahr 1959; Auftritte führten sie u. a. nach Wien, Linz, Klagenfurt und Dresden/D.

5. Generation

1968 stellte Hauptschuldirektor Heinz Pitscheneder ein neues Ensemble zusammen, bestehend aus Maurerpolier Reinprecht (nun 1. Geige), Briefträger und Kleinlandwirt Franz Leth aus Söding (2. Geige), R. Gombotz (Harmonika), M. Rosenzopf (Hackbrett) und ab 1969 F. Steiner aus Mooskirchen (Bassgeige). Später übernahm F. Steiner das Hackbrett, sein Bruder, Frauenarzt Hans-Peter Steiner, die Bassgeige, Willi Spath die 2. Geige und Landwirt Karl Schalk vlg. Urbibauer (1928–2009) die Harmonika. Mit F. Steiner, einem nachmals beliebten Hörfunk- und Fernseh-Moderator, wurden die M. A. europaweit bekannt; Auftritte gab es u. a. in ganz Österreich, Deutschland, Kroatien, der Slowakei und Israel. 1978 erhielten die M. A. den Europa Preis für Volkskunst für ihre langjährigen „Verdienste um die Bewahrung, Pflege, Vermittlung und Erforschung steirischer Volksüberlieferungen in Musik, Lied und Tanz“; sie waren bis 1991 aktiv und galten als Inbegriff steirisch geprägter Volksmusik. Das Musiziergut der M. A. umfasste neben Steirischen, Polkas, Polka Franzés, Walzer und Gstanzln auch Stücke der Wiener Gesellschaftsmusik. Gespielt wurde ohne Noten, nur der 1. Geiger notierte manchmal Anfänge oder komplizierte Motive; der 2. Geiger erfand nach dem Gehör eine „Terzstimme“ dazu, der Bratschist (bis 1935) spielte den Nachschlag auf unbetonten Taktteilen, der Hackbrettspieler improvisierte Gegenstimmen und rhythmische Einlagen, Harmonika und Bassgeige spielten Funktionsbass und Begleitung. Zu vielen Stücken wurde auch gesungen – eine Besonderheit vieler Volksmusikgruppen der Steiermark.

Ehrungen

  • Europa Preis für Volkskunst der Alfred-Toepfer-Stiftung F. V. S. Hamburg 1978

Werke

Alben: Die Mooskirchner Altsteirer 1973, Steirisch g'sungen, steirisch g'spielt! 1976, Der Steiner Franz und seine Mooskirchner Altsteirer 1980.

Literatur

  • Franz Steiner, „Mooskirchner Altsteirer Musik“, in: Sänger- und Musikantenzeitung 17/3 (1974), 57
  • Gottfried Hubmann, Der Steiner Franz – ein Urgestein aus der Weststeiermark. Sein Leben, sein Wirken und sein Musizieren mit den Mooskirchner Altsteirern, Bachelorarb. Johann Joseph Fux Konservatorium Graz 2009
  • Max Rosenzopf, Weststeirisches Musikantentum, Wien 2016 (Corpus Musicae Popularis Austriacae 21), 345–374
  • Eva Maria Hois, „Steira san ma und singen den steirischen Brauch“, in: Der Vierzeiler 41/3 (2021), 26–29
  • Taufbuch XIII der Pfarre Mooskirchen 1822–1846, 141
  • Radiowelt 12/11 (1935), 8
  • Klagenfurter Zeitung 6.2.1960, 1f
  • eigene Recherchen

Abbildungen

Autorin

  • Eva Maria Hois

Letzte inhaltliche Änderung

25.9.2026

Empfohlene Zitierweise

Eva Maria Hois, Art. „Die Mooskirchner Altsteirer“ (25.9.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )

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