Wei Ning: * 26.2.1906 [nicht 1910] Chengdu, Sichuan/VRC, † ?.9.1985 Boston, Massachusetts/USA.
Der Enkel eines hohen südchinesischen Staatsbeamten und Sohn eines Bürgermeisters in der südwestchinesischen Provinz Sichuan sollte am chinesisch-amerikanischen College Tsing Hua in Peking Naturwissenschaften studieren, kam aber mit europäischer Musik in Berührung, die ihn begeisterte. Daraufhin erlernte er Violine, Trompete, Posaune und Horn (im Laufe der Zeit folgten alle Orchesterinstrumente bis auf die Holzblasinstrumente) und dirigierte schon nach einem Jahr als 17-Jähriger ein Schülerorchester. Da Lee seine Studien vernachlässigte und deswegen den Freiplatz am College verlor, geriet er in Konflikt mit seiner Familie und musste nun für seinen Lebensunterhalt durch Englisch- und Musikunterricht selbst aufkommen. Ein Bruder ermöglichte ihm einen Studienaufenthalt in Paris, wo Vincent d’Indy seine Begabung erkannte und ihm ein zweijähriges Studium an der Schola Cantorum ermöglichte. Nach dessen Tod ging Lee nach Wien, wo er bei J. Marx an der Akademie und danach privat bei K. Weigl Komposition und Kontrapunkt studierte; Klavierunterricht erhielt er von L. Gombrich-Hock. Ihr Sohn Ernst Gombrich hatte mehrere der klassischen wie auch modernen chinesischen Texte übersetzt, die von Lee vertont wurden. Seine Lieder, die er oft selbst am Klavier begleitete, wurden u. a. von E. Rokyta aufgeführt, seine Klavierwerke u. a. von B. Jahn-Beer. Lees Werke, die er „chinesische Melodien in europäischem Gewande“ (zit. nach Reichspost, 17.7.1934, 10) nannte, waren auch im Radio zu hören; er wurde „zu den bedeutendsten chinesischen Tondichtern der Gegenwart“ gezählt (ebda.). In Wien, wo er auch das Dudeln erlernte, gab er Chinesischunterricht. Lee ging 1935 nach Shanghai/VRC und wurde Professor für Klavier und Musiktheorie an der Universität wie auch am Konservatorium in Nanking/VCR. 1949 wanderte er in die USA aus, 1955 wurde er dort eingebürgert. Lee war in erster Ehe seit 10.6.1933 mit Elisabeth Heinrich (Liesl, Elly, * 15.7.1912 Wien, † 28.10.1967 Wien) verheiratet (Trauzeugin war L. Gombrich-Hock), Sohn Felix wurde 1935 geboren, die Ehe wurde 1939 geschieden.
Werke
Lieder (u. a. auf Texte von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller); Klavier- (Variationen und Fuge über ein eigenes Thema) und Orgelwerke; Orchesterwerke (Tripelfuge für Streichorchester).
Literatur
- „Li-Wie-Ning und Liesl Heinrich empfehlen sich als Verlobte. Eine romantische Heirat. – Der chinesische Student und die schöne Wienerin“, in: Illustrierte Kronen Zeitung 11.6.1933, 4f
- P. Stf., „Chinesisches Intermezzo“, in: Die Stunde 13.7.1934, 4
- Radio Wien 13.7.1934, 4, 17.7.1934, 10
- Reichspost 14.7.1934, 11
- Der Tag 17.7.1934, 8
- Radiowelt 11/29 (1934), 7
- Illustrierte Kronen Zeitung 23.10.1935, 4f
- MyHeritage, www.myheritage.at (28.7.2026)
Sein Sohn
Felix: * 9.9.1935 Wien. Musiker, Musiklehrer, Komponist.
Als Säugling verbrachte Lee von Dezember 1935 bis Jänner 1936 einige Wochen in Shanghai, wo sein Vater unterrichtete, kehrte mit seiner Mutter Elisabeth aber bald wieder nach Wien zurück. Aufgrund der politischen Situation stellte die Mutter wegen ihrer jüdischen Herkunft 1938 einen Ausreiseantrag nach Shanghai, reiste dann aber doch nicht aus, sondern konnte, vor der Deportation geschützt durch eine zweite, arrangierte Ehe mit dem Chinesen Chang Lin Hop, die NS-Zeit mit ihrem Sohn in Wien überleben; auch diese Ehe wurde geschieden. Lee erlernte nach der Pflichtschule das Goldschmiedehandwerk und war in diesem Beruf bis 1958 tätig. Daneben studierte er Klavier (Alfred Kremela), Akkordeon (Viktor Winklbauer) und Komposition (R. Seitz) am Konservatorium der Stadt Wien und wurde Musiklehrer für Akkordeon und Klavier an Volkshochschulen und Musiklehranstalten der Stadt Wien (bis 1995). Schon als 14-Jähriger trat Lee als Pianist in der Scala Wien auf, ab 1955 spielte er Akkordeon bei den Fünf Elite-Boys, 1962 vertrat er den erkrankten Helmut Schicketanz bei Die drei Spitzbuam. Als (Bar-)Pianist spielte er in Wien u. a. 1957 im Café Mozart, um 1965 mit E. Vitouch (Violine) im Chez Nous, 1966 mit Walter Cozik (Kontrabass, Gesang) und Walter Redl (Schlagzeug) im Café auf dem ersten Hochhaus Wiens in der Herrengasse (Wien I), um 1968 mit J. Scheybal (E-Gitarre) und F. Schelling (Schlagzeug) in der Eve Bar und im Griechenbeisl, 1963 im Hotel Pak-Palace Melide/CH und 1968 und 1969 in der Casino Bar in Bad Gastein/Sb. 1964 war er Mitbegründer der Wiener Akkordeon Solisten unter G. Winklbauer-Zourek, das im Jahr darauf erste Aufnahmen eines Akkordeonensembles veröffentlichte, wofür das Label Viva gegründet wurden; drei der vier Nummern stammten von Lee Das Ensemble existierte in dieser Form bis 1969, Lee schied aber bereits 1965 wieder aus. 1966 lernte er G. Kisser kennen, die später seine Lebenspartnerin wurde. Gemeinsam traten sie 1967 in das professionelle Wiener Akkordeon-Kammerensemble von Walter Maurer ein, verließen dieses aber bald wieder und gründeten noch im selben Jahr das Gola-Akkordeon-Duo (s. Abb.; Gola ist ein nach dem italienischen Akkordeonbauer Giovanni Gola benanntes Modell der Firma Hohner). Erstmals traten sie 1967 bei der Live-Rundfunksendung „Alle Neune“ mit Ernst Hilger auf, es folgten 50 Jahre lang zahlreiche Auftritte bei Konzerten (Stadthalle, Raimundtheater, Weltmuseum, Palais Auersperg, Erzbischöfliches Palais …) wie in Rundfunk und Fernsehen („Seniorenklub“ mit Ernst Hagen). Zum Repertoire des Duos gehörten neben virtuoser Unterhaltungsmusik und internationaler Folklore auch viele Kompositionen von Lee. Seine Ballade für Akkordeon war 1980 das Pflichtstück beim Coup Mondiale der Confederation Internationale des Accordeonistes in Salzburg. Er komponierte und arrangierte u. a. für das ORF Orchester unter K. Krautgartner, das Moonlight Orchester unter H. Salomon und das Wiener Akkordeon Ensemble unter Kisser und verfasste Unterrichtsliteratur; seine Kompositionen – er vertonte u. a. Texte von P. Herz – wurden etwa von Akkordeonorchester Hallein, Hernalserbuam, Strebersdorfer Buam, Herta Aschenbrenner, Walter Heider, Helga Kohl, Sigi Preisz, A. Stassler und vielen anderen Wienerlied-Sänger:innen interpretiert und auf Tonträger aufgenommen. 1976 vertonte Lee Texte von Andreas Okopenko für das auf Ö1 gesendete „literarisch-musikalische Originalton-Brettl“ Es röchelt was in Strebersdorf, 2020 komponierte er mit Lost and Found die Musik für das Hörbuch Erinnerungen des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus (eingespielt vom Gola-Akkordeon-Duo). Lee musizierte u. a. mit Les Sabres, Geduldig & Thiemann und Shlomo Carlebach und war auch als Barpianist tätig. Er war Jurymitglied bei nationalen und internationalen Akkordeonwettbewerben, Mitglied im Verband der Amateurmusikvereine Österreichs sowie im Harmonikaverband Österreich (hier auch im Vorstand) und tritt regelmäßig als Zeitzeuge in Schulen auf.
Ehrungen
- Goldener Violinschlüssel der Robert-Posch-Vereinigung 1999
- Goldenes Wienerherz der Robert-Posch-Vereinigung 2005
- Prof.-Titel 2006
- Gläserne Lyra der Robert-Posch-Vereinigung 2011
- Ehrenplakette zum 80. Geburtstag der Robert-Posch-Vereinigung 2015
- Ehrung des Harmonikaverbands Österreich für das Lebenswerk 2024
- Große Plakette für Verdienste um das Wienerlied
- Silberne und Goldenes Ehrenzeichen des Harmonikaverbandes Österreich
- Johann Strauß Plakette
- Ehrung der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus
- Simon Wiesenthal-Preis 2025
Werke
Viele Arrangements (z. T. gemeinsam mit G. Kisser) Kompositionen für Akkordeon (Dachstein-Rhapsodie, Poruschka-Fantasie); Chansons, Wienerlieder und -musik (Ja wie hab’n ma’s denn Herr Chef 1967 [T: P. Herz], Man verliebt sich am besten in Wien 1968 [T: P. Herz], Wenn alles daneb’n geht 1972 [T: Lea Warden], Am Schönsten is’ für mi’ ... 1974 [T: Toni Elsner], A Sackgass’n 1996 [T: Erich Veegh], Der Weingenießer [T: Franz Horacek], Ich danke oft dem Herrgott [T: Franz Schweidler], Du guate, alte Josefstadt, Mein Simmering), z. T. auf eigene Texte (Frau Wirtin 1969), verlegt u. a. im Eberle-Verlag/Rubato Musikverlag, Belvedere-Musik; Kammermusik für Akkordeon und Violine, Horn, Gitarre, Mandoline und Querflöte; Unterrichtsliteratur. Alben: mehrere Tonträger, u. a. mit den Wiener Akkordeon Solisten und dem Gola Akkordeon Duo: Erinnerungen 2020.
Literatur
- Lang 1986
- „Familienfotoalbum von Felix Lee“, in: Erinnerungen. Lebensgeschichten von Opfern des Nationalsozialismus, Bd. 4, hrsg. von Renate S. Meissner, Wien 2015, 96–151
- Helga Kohl, „Zum 90. Geburtstag von Prof. Felix Lee“, in: Bockkeller 32/1 (2026), 12
- Rosita S. Romano / Robert Wiaderni, „Felix Lee“ (10/2021), in: Musik-Austria, https://musik-austria.at (29.7.2006) [mit WV]
- „Prof. Felix Lee“, in: Harmonika Verband Österreichs, https://harmonikaverband.at (29.7.2026)
- Robert Sperling, „Ein Leben für die Quetsch’n. Bühne frei für (Lebens)künstler Felix Lee“ (01/2026), in: Wina. Das jüdische Stadtmagazin, www.wina-magazin.at (29.7.2026)
- Art. „Lee Felix“ (30.1.2025), in: Musikdatenbank von mica – music austria, https://db.musicaustria.at (29.7.2006)
- Mitt. Gertrude Kisser (31.8.2026)
- Mitt. Felix Lee (5.9.2026)
Abbildungen
Autorin
- Eva Maria Hois
Letzte inhaltliche Änderung
20.10.2026Empfohlene Zitierweise
Eva Maria Hois, Art. „Lee, Familie“ (20.10.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )
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