Kisser wuchs in einer musikalischen Familie auf: Ihr Vater spielte Horn in der Blasmusikkapelle der Eisenbahner Wien-West, weswegen sie alle Traditionsmärsche kennenlernte, ihre Mutter sang mit ihren beiden Schwestern und begleitete dies auf der Gitarre. Kisser erhielt ab 1950 Akkordeonunterricht bei Mathilde Pölzl und nahm ab 1957 an Wettbewerben teil, von denen sie einige gewann. 1955 war sie Gründungsmitglied des Ersten Wiener Hohner Akkordeon Orchesters unter M. Pölzl. Schon als Jugendliche wirkte sie an Konzerten von Mandolinen-, Zither- und Akkordeon-Orchestern mit. Nach einer kurzen gemeinsamen Zeit beim Wiener Akkordeon-Kammerorchester (Leitung Walter Maurer) 1967 gründete sie mit ihrem späteren Lebenspartner F. Lee noch im selben Jahr das Gola-Akkordeon-Duo (Gola ist ein nach dem italienischen Akkordeonbauer Giovanni Gola benanntes Modell der Firma Hohner), das bis 2017 Unterhaltungs- und Wienermusik, Eigenkompositionen, Nummern aus Operetten und Musicals sowie Jazz in eigenen Arrangements spielte; neben vielen Konzerten gab es auch Auftritte in Rundfunk (Alle Neune) und Fernsehen. 1969 begann die Fremdsprachensekretärin auf Anraten Lees berufsbegleitend ein Studium in Klavier (bei Prof:in Schubert) und Gesang (Berta Brem-Mandl) im Hauptfach sowie Akkordeon im Nebenfach bei W. Maurer an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Wien, das sie 1971 mit der Lehramtsprüfung abschloss, zudem hatte sie privaten Violinunterricht. 1970 wurde Kisser Akkordeonistin und Arrangeurin des Klezmer-Ensembles Geduldig & Thimann, mit dem sie Tonträger aufnahm und durch Deutschland, Großbritannien und die USA tourte; bei Konzerten in der Alten Oper Frankfurt/D und im Schauspielhaus in Hamburg/D schloss sich auch F. Lee dem Ensemble an. 1971 gründete Kisser das Wiener Akkordeon Ensemble, das sie bis heute (2026) leitet. 1975 begann sie ihre Lehrtätigkeit für Akkordeon an der Musikschule Rudolfsheim-Fünfhaus (Wien XV), wo sie auch die Leitung des Schul-Streichorchesters und die Schulleiter-Stellvertretung übernahm. Beim Carinthischen Sommer 1977 wirkte Kisser im Wiener Jeunesse-Chor an der Aufführung von L. Bernsteins 3. Sinfonie Kaddish unter der Leitung des Komponisten mit, mit welchem sie auch Platten aufnahm. 1976–92 sang sie im Wiener Motetten Chor, 2000 war sie Mitbegründerin der Wiener Art Schrammeln, mit welchen sie bis 2017 musizierte, etwa beim Schrammel.Klang.Festival in Litschau/NÖ auftrat und in vielen Ländern Europa sowie in der Türkei konzertierte. Als Akkordeonsolistin trat sie u. a. in der Stadthalle, im Großen Musikvereinssaal (mit dem Bläserensemble der Wiener Philharmoniker), im Schubert- und Mozartsaal des Konzerthauses sowie in Rundfunk- und Fernsehsendungen (Was gibt es Neues? mit H. Conrads) auf, als Studiomusikerin wurde sie u. a. von E. Pluhar, Schlomo Carlebach und den Wiener Sängerknaben engagiert. Kisser war Jurorin bei österreichischen Akkordeonwettbewerben, Vorstandsmitglied beim Harmonikaverband Österreich, Mitglied der AKM und des Österreichischen Komponistenbundes.
Ehrungen
- Gewinnerin des Wiener Akkordeonwettbewerbs des Österreichischen Harmonika Verbandes 1958
- Wiener Akkordeon-Landesmeisterin 1960
- 3. Platz beim internationalen Wettbewerb Coupe Mondiale des Accordeonistes in Versaille/F 1966
- 1. Platz in der Kunststufe des Österreichischen Akkordeon-Solistenwettbewerbs 1966
- Goldener Violinschlüssel der Robert-Posch-Vereinigung 1999
- Goldenes Ehrenzeichen des Harmonikaverbands Österreich 2004
- Prof.-Titel 2018
- Ehrung der Bezirksvorstehung Rudolfsheim-Fünfhaus 2018
- Ehrung des Harmonikaverbands Österreich für das Lebenswerk 2024
Werke
Für Akkordeon: Strömungen, Übergang, Fein sein beinander bleibn [Variationen]; für Akkordeon und Gitarre: Drei Volkslieder aus Südamerika; viele Arrangements für unterschiedliche Besetzungen, z. T. mit F. Lee. Alben: mit Geduldig & Thimann: Mojschele Majn Frajnd 1980, A Schtetl is Amerike 1986, Di schejnsten Lider fun Jiddn 1989; mit Paul Fields: Majn Jiddisch Fidl 1983; mit Wiener Art Schrammeln: Imma zu wenig und nimoes zu vüü 2003, Voemond 2010; mit Gola Akkordeon Duo: Erinnerungen 2020.
Literatur
- Felix Lee / Gabriele Breuer, „Prof. Gertrude Kisser – 80 Jahre“, in: Vamö Nachrichten 78/1 (2023), 38f
- Rosita S. Romano / Robert Wiaderni, „Gertrude Kisser“ (2021), in: Musik-Austria, https://musik-austria.at (29.7.2026)
- Art. „Kisser Gertrude“ (26.1.2025), in: Musikdatenbank von mica – music austria, https://db.musicaustria.at (29.7.2026)
- Mitt. Gertrude Kisser (2.9.2026)
Abbildungen
Autorin
- Eva Maria Hois
Letzte inhaltliche Änderung
20.10.2026Empfohlene Zitierweise
Eva Maria Hois, Art. „Kisser (geb. Moj), Gertrude“ (20.10.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )
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