Vater Jakob Kull (* 6.8.1817, † 10.3.1886) stammte aus einer wohlhabenden Müllerfamilie in Niederlenz/CH, besuchte die städtischen Schulen in Lenzburg, spielte Geige, leitete die Kadettenmusik und verfasste kleine Kompositionen. Er ging als Ingenieur nach Wien, studierte dort dann aber Musik und wurde Kapellmeister. Seine spätere Frau Emerenzia Maria Jöchlinger, Freiin von Jochenstein (1809–1887), eine ausgezeichnete Pianistin aus Damtschach/K, lernte er beim gemeinsamen Musizieren kennen; geheiratet wurde am 25.8.1839 gegen den Willen der hochadeligen Eltern, da Jakob Kull ein Bürgerlicher und Protestant war. Das Paar wechselte aufgrund seines Berufs mehrmals den Wohnsitz: Zur Zeit von Annas Geburt war er Kapellmeister in Klausenburg, 1851–54 leitete er das Orchestre de jeunes gens in Vevey/CH. Während eines Ferienaufenthalts auf der Insel Jersey/GB in den 1850er Jahren wurde aufgrund der adeligen Abstammung der Mutter Bekanntschaft mit der englischen Königsfamilie geschlossen, mit der Kull musizierte. Ihren ersten Musikunterricht erhielt sie von den Eltern, ab 1853 beim Violoncellisten Adam? Schleich in Zürich/CH und spätestens ab 1855 privat beim Solocellisten der Münchner Hofkapelle und Lehrer am dortigen Konservatorium Hippolyt Müller. Sie galt früh als musikalische Begabung und trat u. a. in der Schweiz, in München (mehrfach 1855 unter dem Dirigat von Joseph Gabriel Rheinberger), London (mehrfach 1857 und 1859), Baden-Baden/D, Frankfurt am Main/D und Paris auf. Kull gehört somit – neben Lise Cristiani (1827–1853), Hélène de Katow (um 1830–nach 1876) und Róza Szuk (1844–1921) – zu den ersten Cellistinnen, die im 19. Jahrhundert öffentlich auftraten. Ihre Konzerte wurden überwiegend positiv rezensiert; so schrieb etwa das Intelligenzblatt für die Stadt Bern 1856 von einer „seltene[n] Begabung“, und in der Neuen Zeitschrift für Musik 1860 hieß es: „Schöner, weicher Ton, elegante Spielweise, namentlich ein herzenswarmes Cantabile, sind die Vorzüge dieses kaum achtzehnjährigen und schönen Mädchens.“ Zu Kulls Repertoire gehörten v. a. kleine, populäre Stücke und Opernparaphrasen, z. B. von Auguste Lindner, J. Merk, Guillaume Paque, Alfredo Piatti, A. F. Servais, Bernhard Heinrich Romberg sowie zumindest ein Stück ihres Vaters; sie spielte aber auch Kammermusik, u. a. einen Satz aus L. v. Beethovens Klaviertrio c-Moll mit Eduard Eliason und Julius Sachs in Frankfurt 1859, vermutlich auch Streichquartette. Schon um 1860 zog sich Kull, angeblich auf Wunsch der nach dem frühen Tod ihrer älteren Schwester Carolina Maria im Alter von nur zehn Jahren um ihre Gesundheit besorgten Eltern, wieder aus der Öffentlichkeit zurück und trat nur mehr gelegentlich in Bern, Zürich und Lenzburg auf. 1867 könnte sie nach Graz übersiedelt sein, denn „die seit Kurzem in Graz domicilierende Cellistin, Frl. v. Kull“ spielte am 22.12.1867 bei einem Wohltätigkeitskonzert des katholischen Frauenvereins eine Phantasie nach G. Donizettis Regimentstochter von Servais, wobei es sich laut Timmermann 2023 um den ersten Auftritt einer Cellistin in dieser Stadt gehandelt haben könnte. Hier trat Kull auch 1877 mehrmals auf, und zwar u. a. am 25.2. bei einem Konzert des Schriftstellervereins mit der Wiener Pianistin Hermine Stadler (Variations concertantes für Klavier und Cello von Felix Mendelssohn Bartholdy), am 14.3. beim einem Konzert für das St. Vincenz-Waisenhaus (Sonate für Klavier und Cello von A. Rubinstein und Concertstück von Georg? Goltermann mit Gräfin Amalie Hügel-Teck am Klavier) und am 6.12. bzw. bei einem Wohltätigkeitskonzert für das erste Knabenasyl „mit bemerkenswerter Kraft und Technik“ (Neue Zeitschrift für Musik 1878) mit dem Geiger R. Sahla (Ouverture von Saverio Mercadante und Duo für Violine und Cello von Servais) auf. Dieser Stadt vermachte Kull auch ihr Cello, ein vergleichsweise kleines Instrument. Nach dem Tod der Eltern verwaltete sie vermutlich das Schloss Seltenheim bei Klagenfurt, wo sie auch lebte.
Ehrungen
- Kammervirtuosin der Königin von England 1878
- Internationaler Cello Wettbewerb Anna Kull in Graz seit 2000
Literatur
- Volker Timmermann, „,Die Neuzeit brachte uns des Sonderbaren so vieles.‘ Die Violoncellistin Anna Kull, ihre Wahrnehmung und ihre Beziehungen zu Graz, in: Musiker*innen und Musikleben in der Region – Identitäten, tracer und Ressourcen. Blickpunkte East Anglia, Kroatien, Österreich, Schweiz, hrsg. von Christa Brüstle, Graz 2023, 151–164
- Volker Timmermann, „Kull, Anna Ludwika“ (2008), in: Europäische Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts, www.sophie-drinker-institut.de (29.7.2026)
- Hans Muggli, „Kull, Anna (1841–1923)“ (24.9.2016), in: Kunstbreite, www.kunstbreite.ch (29.7.2026)
- Silke Wenzel, Art. „Anna Kull“ (25.9.2018), in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, https://mugi.hfmt-hamburg.de (29.7.2026)
- „Die Namensgeberin Anna Kull“, in: Internationaler Cello-Wettbewerb, https://stringcompetition.kug.ac.at (29.7.2026)
- Intelligenzblatt für die Stadt Bern 12.2.1856, 230
- Neue Zeitschrift für Musik 6.4.1860, 133, 1.2.1878, 58
- Tagespost (Graz) 21.2.1877, 4
- Art. „Anna Kull“, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org (29.7.2026)
Abbildungen
Autorin
- Eva Maria Hois
Letzte inhaltliche Änderung
20.10.2026Empfohlene Zitierweise
Eva Maria Hois, Art. „Kull, Anna Ludwika“ (20.10.2026), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits (abgerufen am )
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