Rezeption/Rezeptionsforschung, musikalische

Umfassender Begriff für verschiedene Vorgänge bzw. Resultate der Anverwandlung von Musik

Jenseits musikphysiologischer und -psychologischer Wahrnehmungsforschung ist üblicherweise einer oder mehrere der drei folgenden Bereiche gemeint: a) performative R. oder Interpretation (= die Aufführung, d. h. Verklanglichung musikalischer Notate, z. B. die Präsentation von Fr. Schuberts Winterreise D 911 [1827] im Konzertsaal); b) kompositorische R. oder Bearbeitung (= die werkhafte, mehr oder weniger kreative Neuformulierung vorhandener Musik, z. B. die „komponierte Interpretation“ der Winterreise durch Hans Zender [1993]); c) verbale R. oder Verstehen (= die – von unterschiedlichen Graden der Reflexion geprägte – Wahrnehmung und Versprachlichung musikalischer Bedeutungen, z. B. eine in einem Aufsatz ausformulierte Verstehensleistung der Winterreise). So gesehen schließt der Kreis musikalischer Rezipienten gleichermaßen Aufführende, nachschaffende Künstler und deren Publikum ein.

Konkrete Beispiele m.r R. sind stets historisch bedingt, d. h. von geschichtlichen Abhängigkeiten gekennzeichnet. Zu diesen rechnen einerseits Gegebenheiten der Überlieferung des zu rezipierenden musikalischen Gegenstandes (z. B. die autographen Quellen eines Musikwerkes). Andererseits lassen sich bei Rezipienten oftmals personentypische Abhängigkeiten erkennen, v. a. subjektive Erfahrungen und Erwartungen, die bewusst oder unbewusst den Vorgang m.r R. beeinflussen (z. B. von persönlichen Erlebnissen geprägte Werturteile). Gleichermaßen bedeutsam sind zudem intersubjektive Abhängigkeiten in Form von – kultur- bzw. zeitbedingten – Konventionen; solche Konventionen treten u. a. in Traditionen der Aufführungspraxis, in Usancen der kompositorischen Bearbeitung oder in Methodenschulen der Werkanalyse (Analyse) zutage.

Frühe Beispiele historischer R.s-Forschung verdanken sich zum einen der „Wiederentdeckung“ sog. Alter Musik seit dem 19. Jh., andererseits Akzeptanzproblemen sog. Neuer Musik im 20. Jh. Die seit den 1970er Jahren unter dem Einfluss neuerer philosophischer Hermeneutik und damit einhergehender literaturwissenschaftlicher Methodendiskurse intensivierte R.s-Forschung zeitigte in Österreich zuletzt auffällig viele Veranstaltungen und Publikationen. Einschlägige Initiativen betreffen neben Rekonstruktionsversuchen musikalischer Aufführungspraxis gehäuft Varianten kompositorischer, literarischer, bildnerischer, soziologischer, (populär-)wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Mozart-R. Weit den Kreis rein musikalischer Fragestellungen überschreiten auch Veröffentlichungen wie jene zur internationalen „Erfolgsgeschichte“ des Weihnachtsliedes Stille Nacht! Heilige Nacht! oder zum vielschichtigen Phänomen Sound of Music, dessen thematischer Ursprung im Emigrantenschicksal einer österreichischen Familie liegt und dessen v. a. im anglo-amerikanischen, australischen und asiatischen Bereich beispiellose Popularität in schroffem Gegensatz zur innerösterreichischen Bekanntheit und Wertschätzung steht (die Tourismusbranche ausgenommen).

An den Hochschulen bzw. Universitäten besonders verankert sind rezeptionsgeschichtliche Forschungen u. a. an dem in Graz seit 1967 bestehenden Institut für Wertungsforschung und kritische Musikästhetik bzw. Institut für Aufführungspraxis, am Wiener Institut für Musikalische Stilkunde und Aufführungspraxis (seit 1996) sowie am Salzburger Institut für musikalische Hermeneutik 1989–2004) und dem daraus hervorgegangenen Institut für musikalische Rezeptions- und Interpretationsgeschichte (seit 2005).

Inwiefern derartige Impulse zu rezeptionsgeschichtlichen Unternehmungen auch auf Besonderheiten der österreichischen Kultur-, Wirtschafts- und Tourismusgeschichte zurückzuführen sind, bleibt zu diskutieren. Jedenfalls fällt die große Zahl einschlägiger Anlässe auf, die eine kritische Beleuchtung geradezu provozieren. Zu denken ist an die jeweils von verschiedenen Seiten mitgetragene, einträgliche Inszenierung Österreichs als „Musikland“ oder gar als „musikalische Großmacht“, Salzburgs als „Mozartstadt“, W. A. Mozarts als „Kultfigur“, der Wiener Sängerknaben als „Botschafter Österreichs“ u. ä. Da wie dort sind folgenreiche Klischeebildungen zu bemerken, deren rezeptionsgeschichtliche Analyse mindestens geeignet ist, ein Sensorium für weitere, auch über den Radius „österreichischer Themen“ hinausweisende Themenstellungen zu fördern.

Literatur

Autor

  • Wolfgang Gratzer

Letzte inhaltliche Änderung

15.5.2005

Empfohlene Zitierweise

Wolfgang Gratzer, Art. „Rezeption/Rezeptionsforschung, musikalische“ (15.5.2005), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001df1c (abgerufen am )

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