Handwerkerlied

Volkslied, das im Kreis von Handwerkern entstanden ist, von Handwerkern gesungen wird oder Handwerker berifft

In erster Linie ist dabei das einst in Zünften organisierte Handwerk gemeint.

In den Zünften, in Österreich „Zechen“ oder „Innungen“ genannt, wurde das Standesbewusstsein der ihnen Zugehörigen in Form von Preisliedern gepflegt. Davon ist in rezenter Tradition praktisch nichts mehr vorhanden. Bis zur Gegenwart überliefert wurden hingegen in reichem Ausmaß Handwerkerspottlieder, besonders auf die Schneider (s. Abb.). Sie gehen weit in der Geschichte zurück. So wurde bereits 1469 auf Bitten der Schneider das Spottlied „von der Gaiss” in Salzburg verboten. Die in der Zeit der Zünfte ausgebildeten gruppenspezifischen Normen werden in diesen Spottliedern zu Stereotypen, die ihre komische Wirkung noch lange nach Aufhebung der Zünfte (in Österreich 1859) bewahrt haben. Ihnen gegenüber stehen Lieder des individuellen Standesstolzes, welche auch als entsprechende Rollenlieder im Volkstheater zu finden sind (vgl. das Hobellied aus F. Raimunds Verschwender). Sozialkritische Lieder thematisieren entweder den Niedergang des Handwerks durch fortschreitende Industrialisierung (z. B. Die Maschinen habn alles verdorbn!, oder richten sich gegen verschiedene Handwerker, die die bäuerliche Bevölkerung übervorteilen (z. B. Betracht’t ma amål die Zimmerleut). Die Handwerksburschen, in deren Ausbildung die Wanderjahre obligat waren, gehörten Anfang des 19. Jh.s noch zu den wichtigsten Liedvermittlern und Liedträgern, wie es in einem Bericht aus Maria Taferl/NÖ von 1819 heißt: „Die meisten und originellsten Lieder trifft man bey den Handwerksburschen an. Diese Menschenklasse hat viel Geschmack am Singen, und es wird wenige unter ihnen geben, die nicht einige Lieder könnten, die sie bey ihrer Arbeit, vorzüglich aber bey ihren Zusammenkünften an Feyertagen im Wirtshause singen. In Städten und grösseren Märkten, wo viele Handwerksburschen sind, müßte hievon eine schöne Sammlung gemacht werden können.“ Die überlieferten Gesellenlieder sind häufig Abschieds- und Wanderlieder; weitverbreitet ist das scherzhafte „Wochenlied“ Der Montag, der Montag, der muß gefeiert werden), das durch alle Wochentage Leiden und Freuden der Handwerksburschen aufzeigt. Es ist auch von anderen Berufsgruppen übernommen worden. Zahlreiche H.er basieren auf der erotischen Ausdeutung verschiedener handwerklicher Verrichtungen. Ein Lied dieser Art von erstaunlicher Kontinuität ist das Binderlied (s. Abb.), das bereits aus dem 2. Viertel des 13. Jh.s überliefert ist. Es wurde auch in Österreich mehrfach aufgezeichnet, u. a. mit der charakteristischen rhythmischen Begleitung durch Hand- und Faustschläge auf die Tischplatte, die das Geräusch des Binderhammers nachahmen.

Literatur

Abbildungen

Autorin

  • Gerlinde Haid

Letzte inhaltliche Änderung

22.3.2022

Empfohlene Zitierweise

Gerlinde Haid, Art. „Handwerkerlied“ (22.3.2022), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001d06c (abgerufen am )

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