Almruf, Almschrei

Rufe und Schreie, aber auch längere solistische Gesänge, die sich als Freiluftmusik im Almwesen entwickelt haben.

Sei es zum Zweck der Verständigung über große Entfernungen, aber auch zur scherzhaften oder gemütvollen Unterhaltung zwischen zwei voneinander entfernt arbeitenden Sennerinnen oder zum vordergründig zweckfreien Hinaussingen längerer Weisen, möglicherweise mit magischem Ursprung. Nur die letztgenannten Weisen sind Almschreie im engeren Sinn; im weiteren Sinn wendet Mautner (1919) das Wort auch auf andere Almrufe an. Die Sänger selbst verwenden für diese längeren Weisen auch Namen wie Waldgschroa, Birigschroa (= Gebirgsschrei; nach H. Gielge 1928 die typische Bezeichnung in Aussee) oder Almruf (Kotek 1942). Einige Rufformen im Alm- und Hirtenwesen haben ihre speziellen Eigenarten entwickelt und werden – obgleich typologisch und entwicklungsgeschichtlich verwandt – so gut wie nie als Almrufe, sondern immer mit ihren speziellen Gattungsnamen bezeichnet; das betrifft Viehlockrufe, Hirtenrufe , Alpsegen, Jodler und Juchzer. Als Juchzer werden seit Pommer (1906) vorwiegend nur jene kurzen, weithin tragenden Ausrufe benannt, die in höchster Tonlage beginnen und stufenweise, oft in schwer zu fixierenden Tonhöhen, nach unten gehen. Im Gegensatz dazu beginnen Rufe selten mit dem höchsten Ton und zeigen einen bewegteren Melodieverlauf. Die eigentlichen Almrufe können also in 1. Verständigungsrufe, 2. Unterhaltungsrufe und 3. Almschreie eingeteilt werden. Allen gemeinsam ist, dass die Töne laut und langgedehnt in hoher Stimmlage produziert werden, und zwar im isolierten Kopfregister, und dass die Stimme zur Erreichung tieferer Lagen in das isolierte Brustregister umschlägt. Die Rufe sind normalerweise solistisch; ein Spiel mit der Zweistimmigkeit durch Echowirkung wurde von H. Gielge beobachtet (1937). Je nach ihrem Zweck haben die Rufe Texte, doch kommen so gut wie immer auch Passagen auf Silben ohne semantische Bedeutung vor. Diese Silben favorisieren durch ihre Formanten die jeweilige Stimmlage (u, ü, i für die Kopfstimme; a, o, e für die Bruststimme), sind aber – im Gegensatz zu den jüngeren Jodelsilben – arm an Konsonanten. Die melodische Gestaltung ist gekennzeichnet von Dreiklangsbrechungen und archaischen Elementen wie freie Rhythmik, ekmelische Töne und Schlussportamenti. Die Gewohnheit, während des Rufens die Zeigefinger zu beiden Seiten des Kopfes (oder auch nur einen Finger auf einer Seite) gegen das Jochbein oder das Ohr zu halten, wie dies 1840 von Joseph Tunner für Erzhzg. Johann gezeichnet (vgl. Klier 1956) und im Salzkammergut bis zur Gegenwart überliefert wurde, ist in ihrer Bedeutung nicht restlos geklärt.

1. Verständigungsrufe. Aufgezeichnet wurden kurze, einfache Kadenzen auf Silben ohne Wortbedeutung zur Verständigung bei der Viehsuche (Pommer 1906), beim Beerensuchen (Mautner 1919), bei der Holzarbeit, als Weckruf, als Zuruf und Antwort, beim Viehhüten (vgl. Das deutsche Volkslied 5, 6, 12, 22, 29), beim Schifahren und als Gruß (Fink 1998); dann längere Rufe mit Text als Einladung („Lisei! hå i å u i. Kimm ummar auf d’Nacht, i håw an schön Ålmabuam! hå i å u i“; Liebleitner 1923; Einladung zum Essen, vgl. Gielge 1935), Warnung (Eberhard 1942), Hilferuf (Fink 1998). 2. Unterhaltungsrufe. Sie werden zuerst von den Reiseschriftstellern F. J. Kleyle 1820 (Almen), F. C. Weidmann 1834 und J. G. Kohl 1842 (Johezen) geschildert, jedesmal aus der Steiermark. Andrian veröffentlicht 1905 die ersten Textbeispiele aus Altaussee (Johitzen). Eine ähnliche Singweise wurde im Berchtesgadnerland und am Tegernsee dokumentiert (Reima, Gallna; vgl. Hartmann 1875, Kobell [o. J.]). Die im Salzkammergut bis zur Gegenwart dokumentierten Unterhaltungsrufe beginnen meist mit einem Ruf auf Jodelsilben, dem als eine Art Rezitativ die Textpassage folgt. In gleicher Weise schließt die gereimte zweite Zeile an. So wurden poetische oder scherzhafte Einfälle verlautet und über weite Entfernungen stundenlange Zwiegespräche gehalten. Ein abschließender Ruf auf Jodelsilben zeigte das Ende der Unterhaltung an (vgl. Pommer 1915; Mautner 1919; Gielge 1935, 1937 Bschoad-toan = Bescheid Tun; Tonaufnahme Gielge/Deutsch 1967 Bschoad-toan, Scherzrufe). 3. Almschreie. Bis auf eine Wortkadenz am Schluss (meist Alm) werden sie ausschließlich auf Jodelsilben gerufen und zeichnen sich oft durch kühne Modulationen aus (Deutsch 1975). Übergangsformen zwischen einstimmigem Almschrei und mehrstimmigem Jodler wurden festgestellt (Gielge 1935, Barcaba 1996). Aufzeichnungen von Pommer 1913, bei Mautner 1919, Gielge 1928, 1935, 1937; Tonaufnahmen: Gielge/Deutsch 1967; Haid/Haid 1994, 1999. Diese Almschreie sind fast nur im Salzkammergut als Überlieferung der Sennerinnen dokumentiert.

Literatur

Abbildungen

Autorin

  • Gerlinde Haid

Letzte inhaltliche Änderung

18.2.2002

Empfohlene Zitierweise

Gerlinde Haid, Art. „Almruf, Almschrei“ (18.2.2002), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001f6a2 (abgerufen am )

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