Nadel, Siegfried Ferdinand (Frederick)

* 24.4.1903 Lemberg/Galizien (L’viv/UA), † 14.1.1956 Canberra/AUS

Musikwissenschaftler, Psychologe, Ethnologe

Seit 1912 in Wien, studierte N. ab 1920 an der MAkad. Klavier (R. Robert) und Komposition (J. Marx) sowie nach der Matura (1921) an der Univ. Musikwissenschaft (R. Lach, G. Adler), Kunstwissenschaft (Josef Strzygowski) und Philosophie/Psychologie (Moritz Schlick, Karl Bühler, Dr. phil. 1925 bei K. Bühler). Anschließend als Vortragender, Dirigent, Musiklehrer und -schriftsteller tätig, reichte er Ende 1930 an der Univ. Wien sein Habilitationsansuchen für „Vergleichende Musikwissenschaft, Musikpsychologie und Musikästhetik“ ein und begab sich im Feber 1930 nach Berlin, um im Rahmen eines Forschungsauftrages an einer Biographie über F. Busoni zu arbeiten. Dort erreichte ihn die Aufforderung, sein Habilitationsansuchen zurückzuziehen. Er tat dies und schloss das Kapitel Musikwissenschaft in seinem Leben ab, indem er bei Diedrich Westermann in Berlin afrikanische Sprachen studierte und sich 1932 als Stipendiat in London dem Studium der anthropology zuwendete. Nach auch Musikaufnahmen einschließender Feldforschung bei den Nupe Nigeria) schloss er 1935 seine Studien mit dem Ph. D. ab. Inzwischen englischer Staatsbürger, profilierte er sich weiter als social anthropologist und folgte 1950 einem Ruf auf den erstmals vergebenen Lehrstuhl anthropology in Canberra, den er bis zu seinem Tode innehatte.

N.s musikwissenschaftliches Œuvre reicht von der phänomenologisch ausgerichteten Dissertation über musikhistorisch-biographische und ethnomusikologische Arbeiten bis zu musikästhetisch-philosophischen Kunstbetrachtungen. In Analogie zur optischen Gestalterfassung definierte er Konsonanz als „gleichgewichtige, durch Eigensymmetrie zusammengehaltene Gestalt“, die „in sich zu beruhen vermag“. In den Begriffen des statischen (Konsonanz) und dynamischen (Dissonanz) Charakters der Intervallgestalt sah er eine „allgemeine, vorharmonische Gesetzmäßigkeit“, welche in der Ausweitung des Zweiklanges zum Dreiklang die Grundlage des neuzeitlichen europäischen Musiksystems bildet. N.s „Wesensforschung am Kunstwerk“ zum Zwecke der „Herauslösung von Grundmöglichkeiten des Musikseins und deren Fixierung außerhalb der zeitlichen, sozialen und nationalen Verbundenheit“ führte zum „dualen Sinn der Musik“, den er in der Verbindung von Musik als Ausdruck des Erlebens und Musik als Tönespiel sah. Diese Erkenntnis bildete die Grundlage für seinen „Versuch einer musikalischen Typologie“, welche zwar der „Rückwendung zur geschichtlichen Gegebenheit“ bedarf, sich aber grundsätzlich von einer „historisch orientierten Stilüberschau“ unterscheidet. Mit den Georgischen Gesängen (Leipzig 1933) legte N. die erste monographische, auf Transkription und Analyse von Schallaufnahmen basierende Behandlung georgischer, in der Mehrzahl mehrstimmiger Gesänge in einer westeuropäischen Sprache vor.

Schriften

Literatur

Autor

  • Franz Födermayr

Letzte inhaltliche Änderung

30.6.2004

Empfohlene Zitierweise

Franz Födermayr, Art. „Nadel, Siegfried Ferdinand (Frederick)“ (30.6.2004), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001dac4 (abgerufen am )

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