Musikantensprache

Sondersprache von Musikern, die sich von der örtlich gesprochenen Mundart abhebt.

Als Geheimsprache hatte sie die praktische Bedeutung, die Kommunikation der Musikanten für andere Menschen unverständlich zu machen. Wer als Jugendlicher in einer lokalen Tanzpartie (Tanzmusikkapelle) tätig wurde, erlernte die M. von den älteren Mitgliedern der Gruppe mit dem strengen Hinweis auf Verschwiegenheit.

Ehedem zweifellos allgemein verbreitet, wurden nur im niederösterreichischen Weinviertel und im Alpenvorland um St. Pölten, wo die „Dewarei“ genannte M. noch nach dem Zweiten Weltkrieg benutzt wurde, erste Aufzeichnungen unternommen. Inzwischen (2013) scheint sie aufgrund des Strukturwandels der Dörfer auch hier ihre Bedeutung verloren zu haben. Von Gewährspersonen, die in der Zwischenkriegszeit als Bauernmusikanten tätig waren, konnte über die Herkunft der M. nur in Erfahrung gebracht werden, dass sie „von Alters her“ überliefert worden sei. Auffallend ist die große Ähnlichkeit des Wortschatzes mit der Sprache der Jenischen, die neben ihrer europaweiten Verbreitung u. a. in Loosdorf bei Melk/NÖ überliefert ist. (Die in dem kleinen Dorf Sitzenthal/NÖ ansässigen jenischen Familien zogen im 19. Jh. als „Stratzen-“, d. i. Lumpensammler und später als Scherenschleifer, Schirmmacher, Korbflechter oder Textilhausierer durch das Land.) Obwohl in jüngerer Zeit kein direkter Zusammenhang zwischen den Bauernmusikern und den Jenischen hergestellt werden kann, blieben beide Gruppen mit ihrer Geheimsprache unter sich. Beide Sprachen sind aus dem Rotwelsch (Sprache der Fahrenden) entstanden. Es enthält viele Elemente des Jiddischen, Slawischen, des Romanes (Sprache der Roma und Sinti) und anderer europäischer Sprachen. Die Grammatik der Dewarei folgt der regionalen Umgangssprache. Ihr Wortschatz ist offensichtlich ein Gemisch aus Entlehnung, Verfremdung und freier Erfindung. Die Entstehung der M.n ist im ausgehenden 18. bzw. im 19. Jahrhundert anzusetzen

Weitere M.n des deutschen Sprachraumes (z. B. die „Fatzersprache“ des Erzgebirges an der Grenze zwischen Tschechien und Deutschland oder die „Lingelbacher M.“ in Hessen/D und jene aus Niedersachsen und Mittelfranken) sind der niederösterreichischen und dem Jenischen ähnlich. Sie enthalten z. B. ebenfalls die Wörter „Fetzer“ oder „Fatzer“ für „Musikant“, „Koberer“ (Kowara) für „Wirt“, „Pink“ für „Mann“, „Musch“ für „Frau“, „dewan“ für „reden“ bzw. „rauchen“, „flesseln“ für „urinieren“. Andererseits finden sich in der niederösterreichischen Dewarei auch Elemente der in Wien üblichen O-Sprache (Osikerme Ochspre= Musikersprache).

Literatur

Autor

  • Bernhard Gamsjäger

Letzte inhaltliche Änderung

14.3.2004

Empfohlene Zitierweise

Bernhard Gamsjäger, Art. „Musikantensprache“ (14.3.2004), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001da7e (abgerufen am )

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