F.er haben Texte, die diese Situation thematisieren. Von der Funktion her sind es – anders als die Gasslreime – gesellige Lieder, die gemeinsam gesungen werden, sei es im Wirtshaus oder im Heimgarten (abendliche Zusammenkunft der jungen Leute in den Bauernhäusern), beim Gassensingen (abendlicher Gesang der jungen Leute beim Spaziergang durch das Dorf) oder beim gemeinschaftlichen Angasseln (gemeinsamer nächtlicher Besuch mehrerer Burschen bei den Kammerfenstern der Mädchen, meist mit Musikinstrumenten, zum Zweck der Unterhaltung). Stilistisch gehören die Fensterllieder zum alpenländischen Lied; es gibt darunter Gstanzllieder (Ländler), aber auch dreiteilige Liedformen im frühklassischen Stil; meist werden sie im Dialekt und mehrstimmig gesungen. Manche immer wieder verwendeten Bilder sind bereits in der Kunstpoesie um 1600 vorgeprägt, z. B. im Ambraser Liederbuch von 1582; in den Volksliedaufzeichnungen wird die Gattung erst 1819 mit der Sonnleithner-Sammlung greifbar. Besungen wird die Schönheit der Nacht (z. B. das bekannte „Es wår amål an Åbend spåt a wundaschene Nåcht“), die Hürden beim Hineinkommen in die Schlafkammer, insbesondere die Überlistung von Vater und Mutter. Eine eigene Untergattung bilden die „Fensterstreitlieder“, Dialoglieder, die abwechselnd dem Burschen und dem Mädchen in den Mund gelegt sind als Streitgespräch und Liebesgeplänkel. Solche Lieder gibt es auch zwischen Schäfer und Schäferin oder Hüterbub und Sennerin, was auf die Herkunft aus barocker Schäferdichtung hinweist.
Literatur
- Das dt. Volkslied (1899ff)
- W. Deutsch/G. Haid/H. Zeman, Das Volkslied in Österreich 1993
- I. Peter, Gaßlbrauch und Gaßlspruch in Österreich 1953
Autorin
- Gerlinde Haid
Letzte inhaltliche Änderung
18.2.2002Empfohlene Zitierweise
Gerlinde Haid, Art. „Fensterllied“ (18.2.2002), in: Österreichisches Musiklexikon, begr. von Rudolf Flotzinger, hrsg. von Barbara Boisits, https://dx.doi.org/10.1553/0x0001cd43 (abgerufen am )
Dieser Text wird unter der Lizenz CC BY-NC-SA 4.0 zur Verfügung gestellt. Das Bild-, Film- und Tonmaterial unterliegt abweichenden Bestimmungen; Angaben zu den Urheberrechten finden sich direkt bei den jeweiligen Medien.

